19. Januar 2017

Von Neujahr, Lund und dem Midstay-camp

Nach Weihnachten kam dann auch schon bald Neujahr, welches ich mit Aimée (der Austauschschülerin aus Deutschland) und einigen Freunden aus der Schule verbrachte. Es war ein sehr gemütlicher Abend und wir haben aus 2016 nochmals alles rausgeholt. Um zwölf Uhr gingen wir auf einen kleinen Hügel und schauten all den kleinen Feuerwerken um uns herum zu. Als wir runter zählten konnte keiner von uns fassen, dass wir wirklich in ein neues Jahr starteten. Ich habe ihnen dann noch das schweizerische "Es guets Nois!" beigebracht.

Die zwei hatten 2016 voll durchgezogen, keine Süssigkeiten zu essen - endlich wieder
Zwei Austauschschüler haben Freude an der Natur
Am zweiten Tag des neuen Jahres fuhr ich mit Aimée zu ihr nach Eslöv. Das liegt ungefähr 10 Autominuten von Lund entfernt, wo wir auch gleich den nächsten Tag verbrachten. Eine herzige Studentenstadt mit vielen bunten Häusern und kleinen heimeligen Cafés und Geschäften. Doch wir haben auch ein bisschen Geschichte aufgeschnappt und besuchten den Dom. Dort wurde per Zufall gerade eine Führung gehalten, welche überraschenderweise sehr packend war. 



Wenn man allen mitteilen muss, was man für fancy Zeug isst
Die ganzen Ferien hatte es keinen Schnee, was eigentlich ziemlich lustig ist. Da es in der Schweiz welchen hatte und ich hier im Norden sehnlichst jeden Morgen aus der Fenster sah, mit der Hoffnung, endlich ein bisschen weiss zu erblicken. Jedoch war es einige Tage -15°C kalt und da der Strand bei unserem Ferienhaus vor der Kältewelle überschwemmt wurde, gefror das Wasser dort. So montierten wir Schlittschuhe, die ich übrigens zu Weihnachten bekam und fuhren eine Runde auf unserem privaten Eisfeld.





Es gab dann doch noch eine Ladung Schnee und wir mussten die Chance natürlich nutzen.
Unser Schneemannfreund Rudi hat jedoch nur etwa 12 Stunden gelebt danke dem Regen am nächsten Tag.


Am letzten Wochenende hatten wir das "Midstay-camp" in Stockholm mit allen  ca. 80 AFS Austauschschülern. Es war das erste Wiedersehen seit August (ausser mit denen, die in meiner Region wohnen) und sehr interessant zu beobachten, wie sich alle verändert haben. Doch alle Italiener, welchen mit 17 Stück das Lager definitiv dominierten, blieben gleich laut. Spannend, zu hören, wie es allen erging und auch eine schöne Abwechslung von all den Schweden. Ich glaube, wir Austauschschüler sind alle der gleichen Meinung, dass Schweden harte Nüsse sind zu knacken und es deshalb schön ist, mal wieder Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen.



Obwohl nun wir alle schon (auf den Tag genau) 5 Monate hier sind, beherrschte noch immer Englisch die Konversationen. In kleineren Gruppen behandelten wir verschiedene Themen und hatten ein Rück- und Ausblick auf über die gesamte Zeitspanne. Ebenfalls haben wir den Brief, welchen wir bei der Ankunft im August uns selber geschrieben haben, zurückgegeben. Diesen zu lesen war irgendwie Trauer und Motivation zugleich.



Jeder hatte ein individuelles Gespräch mit einem AFS Volontär, wo man ein bisschen von seinen Austauschschwierigkeiten erzählen konnte. Es tat gut, mal einfach alles abladen zu können und mein Volontär Philip half mir wirklich, meine Probleme von einem anderen Blickwinkel zu sehen. Vor dem Camp, hatte ich wieder ein kleines Tief mit Schulfreunden, doch nach all den Gesprächen mit den anderen, konnte ich neuen Mut fassen und ich nehme mir vor, es einfach immer und immer wieder zu versuchen.

Wer findet mich?
Die Volontäre haben uns daran erinnert, dass es wir waren, die dieses Jahr gewählt haben und es uns zur Aufgabe machen müssen, dass es toll wird. Und sie haben Recht.
Ich möchte alles aus meinem restlichen 5 Monaten in Schweden rauszuholen. Ich möchte später auf dieses Jahr zurückblicken können und sagen:" Ja, Schweden war eine unglaublich spannende und tolle Erfahrung. Würde ich sofort wieder machen. Vielleicht war es nicht das beste Jahr meines noch so jungen Lebens, aber sicher das aussergewöhnlichste! " Also werde ich jede Chance nutzen, jeden Tag und vielleicht werde ich am Schluss die Nase voll von Schweden haben, vielleicht werde ich nicht die besten Freunde hier finden. Aber dann weiss ich zumindest, dass ich alles versucht habe und es vielleicht nicht an mir liegt. Ich habe bereit so viel gelernt, wurde selbstständiger, offener, bekam mehr Selbstvertrauen und bin irgendwie ganz eine andere Lilja.

28. Dezember 2016

Jul

Jedes Jahr kommt sie, doch jedes Jahr ein bisschen anders. Die Weihnachtszeit. Manchmal beginnt sie anfangs Monat, wenn der Radiosender anfängt, passende Lieder zu spielen. Manchmal erst dann, wenn man die Dekoration auspackt und Weihnachtsgebäck im Ofen ist. Vielleicht kommt sie aber auch gar nicht und auf einmal ist es Heiligabend und man wird von den Feierlichkeiten überrumpelt. Dies war für mich dieses Jahr der Fall. An was es gelegen hat, ist mir selbst ein Rätsel. Vielleicht war der Grund, dass es sonnig und warm (kein Schnee) draussen ist, oder weil ich nicht zu Hause bin.


Als ich 6 Jahre alt war, haben wir eine zwei monatiger Reise von den Weihnachtsferien bis zu den Sportferien unternommen. Wir besuchten einige kanarische Inseln und Marokko, wo wir unter anderem einige Tage in der Sahara verbrachten. Dies war eine der tollsten Dinge in meinem noch jungen Leben, die ich je erlebt habe. Aber der Punkt ist, dass ich damals Weihnachten auch nicht zu Hause in der winterlichen Schweiz verbracht habe, sondern zwischen Palmen auf dem sonnigen, warmen Teneriffa. Doch es gab für jedes Kind ein Geschenk und ich war mit meiner Familie zusammen, vielleicht brachte das die Weihnachtsstimmung. 
Nun, genau 10 Jahre später, bin ich wieder in einem fremden Land in dieser Zeit und es macht mir gar nicht so viel aus, wie sich alle vorstellen. Klar ist es komisch zu wissen, dass meine Familie zusammen feiert, ohne mich. Sie nutzen, wie mein Bruder sagte, das Jahr, in dem ich nicht da bin aus, um mal nicht einen Weihnachtsbaum haben zu müssen und das ganze andere Zeugs. Weil ich anscheinend sie immer dazu bringe, alles auf Weihnachten einzustellen. Mein Hauptargument: Meine Geschwister hatten, weil sie älter sind, viel mehr Weihnachten als ich. Stimmt ja auch.

Aber wer hat schon die Möglichkeit, ein richtig schwedisches Weihnachten zu verbringen mit allem Drum und Dran? Richtig, nicht jeder, darum hier eine kleine Zusammenfassung meines schwedischen Weihnachten:

Am 23. Dezember erledigten wir als ganze Familie die letzten Weihnachtseinkäufe, kauften unter anderem einen Weihnachtsbaum. Wir fuhren von Laden zu Laden, doch alle Verkäufer mit Bäumen hatten bereits Feierabend gemacht. Schliesslich wurden wir an einem Strassenrandverkauf fündig. Das nächste Problem wartete bereits auf auf uns zu Hause. Wir hatten keinen Stern für die Spitze unseres Baumes. Doch meine Linn hatte für alles eine Lösung. "Wir können ein Foto von mir nehmen. Ich bin auch ein Stern".
Gesagt, getan. Danach versuchten wir noch ein Lebkuchenhaus zu zimmern. Mit Betonung auf versuchten. Am Schluss waren nicht nur alle Stücke des Hauses kaputt, sondern auch eine Handyscheibe. Klar, dass wir dann ziemlich schnell aufgaben und uns mit dem begnügten, was wir erreicht haben an diesem Abend.


An Heiligabend feierten wir bei der Schwester meiner Gastmutter mit vielen Verwandten. In Schweden ist es normal, dass man sich in der ganzen Familie trifft und sich zu einer grossen Gesellschaft ansammelt. Um Punkt drei schlug der Stromverbrauch in Schweden dann massiv an, wenn alle "Kalle Anka och hans vänner önskar god jul" schauten. Seit 1960 kommt das amerikanische Fernsehprogramm mit Donald Duck im schwedischen Fernseh, immer am 24. Dezember um Drei. Mittlerweile eine Tradition und oft sind es die Erwachsenen, welche die Initiative ergreifen, dieses Jahr wieder zusammen Kalle Anka zu schauen. Da sie damit aufgewachsen sind und es früher nicht alltäglich war, so etwas zu schauen. Die heutige Technik nimmt der ganzen Sache ein wenig den Zauber. 


Anschliessend richteten wir das Essen an, welches man "Julbord" nennt und übersetzt lediglich Weihnachtstisch bedeutet. Was jedoch Sinn macht, da es aus ganz vielen verschiedenen Gerichten besteht, welche man sich selbst an einem Tisch aussuchen kann. Es ist ziemlich fleischlastig mit Fleischbällchen, Weihnachtsschinken und einigem mehr. Da ich kein Fleisch esse, hat mein Gastvater versucht, extra für mich einen vegetarischen Weihnachtsschinken zu machen aus einem Gemüse. (Er ist zwar ziemlich missglückt, aber der Gedanke zählt). Dazu gibt es Kartoffelgratin, Ei und Lachs und Sill (einen speziellen Fisch). Nach Belieben kann man noch Sachen hinzufügen, aber die oben erwähnten Gerichte sind bei einem schwedischen Weihnachtsessen ein Muss.


Mein Bruder wollte sein neues schweizer Fussballt-shirt gar nicht mehr ausziehen
Später, wenn die Kinder dann langsam unruhig wurden, kam er endlich: Tomten. Der Weihnachtsmann, der sich auf einen Stuhl setzt, ein Geschenk nach dem anderen aus seinem Sack zieht und den Namen des Empfängers vorliest. Viel mehr machte er nicht und verschwand dann auch sehr schnell wieder. Aber man sagt, dass man viele Geschenke bekommt, wenn man brav und nett war im vergangenen Jahr. Wieder ein Spur von unserem Samichlaus zu entdecken.


Wir haben dann noch ein Spiel gespielt und langsam wurde die Stimmung ein bisschen lockerer. Die Kinder waren glücklich mit ihrem Erhaltenen und die Erwachsenen gönnten sich ein Glas mehr als sonst.
Am Tag darauf frühstückten wir bei der Schwester meines Gastvaters und auch da gab es Resten des Vorabends. Man isst jetzt einfach so lange "Julbord" bis nichts mehr übrig ist.

Erstes Familienfoto
Ich habe mit meinen Gasteltern eine neue Tradition an Weihnachten gestartet:
Zuerst sprangen wir einige Kilometer und danach badeten wir im naheliegenden Orsjö bei 3°C. "Wenn es schon keinen Schnee hat, dann schwimmen wir wenigstens". Wir haben bereits abgemacht, uns nächstes Jahr gegenseitig ein Fotobeweis zu schicken. Hoffe, jemand springt mit mir in die Aare. 


In ein paar Tagen kommt Aimée, eine Austauschschülerin aus Eslöv (ursprünglich Deutschland) über Silvester zu mir. Wir beide feiern mit einigen meiner Freunden aus der Schule in Ryd. Danach werde ich wahrscheinlich mit ihr zurück fahren und die Gegend Lund-Malmö erkunden. Ich freue mich, dass ich wenigstens ein bisschen Pläne für die Ferien habe und mich ghatnicht wie in den letzten Tagen mich nur zu Hause langweile. 

15. Dezember 2016

Eine kurze Bilanz

200 Tage, 200 Tage bleiben mir noch. 118 sind um und bald kommt das 4 Monate-Jubiläum. Danach ist schon bald Halbzeit und dann dauert es weniger als ein halbes Jahr bis ich heimkehre. Dabei hat mein schwedisches Leben doch erst gerade begonnen...
Man sagt, dass der Austausch erst nach 3-4 Monaten richtig anfängt. Denn zuerst muss man sich ein Leben und vor allem ein soziales Netzwerk aufbauen. Ich glaube, dass bei mir diese Wende in den vergangenen Wochen eintraf. Ich habe meinen Alltagstrott gefunden und kann mich nahe zu richtig auf Schwedisch ausdrücken. Endlich habe ich das Gefühl, dazu zu gehören und nicht mehr ein Tourist zu sein. Ich fange an, wie sie zu denken, ob es mir gefällt oder nicht, und meine Freunde aus der Schule lachen jeweils, wenn ich auf Schwedisch fluche. Es ist für mich mittlerweile normal, meine Familie und Freunde so auf Distanz zu halten und ich bin sogar an dem Punkt angekommen, wo ich manche Nachrichten von ihnen länger unbeantwortet lasse. Nicht weil sie mich nerven, sondern bloss, weil sie momentan nicht in mein jetziges Leben passen. Aber sobald es mir dann ein bisschen schlechter geht, bin ich froh um jeden einzelnen Buchstaben, den ich aus der Schweiz empfange.

Gestern Abend hat ein AFS-Freund in Schweden mich gefragt, wieso er sich das hier überhaupt antue. Die Frage ist berechtigt. Ich habe versucht, ihn zu motivieren wie es die anderen auch bei mir tun. Ich glaube was in einer solchen Zeit am meisten an einem nagt ist, dass viele Menschen hier gar nicht richtig hinter die Fassaden eines Austausches sehen. Ihnen ist nicht bewusst, was wir durchmachen und was wirklich alles dazugehört. Sie reduzieren uns lediglich auf "den Austauschschüler" herunter. Viele denken, dies ist bloss ein Spassjahr, was man auch durchaus kann, wenn man bedenkt, dass unsere Schulnoten keine Rolle spielen und wir ein bisschen in einem fremden Land herumreisen können. Doch wir verlassen unsere Heimat für das Unbekannte. Wir müssen nicht nur mit einer völlig neuen Sprache zurechtkommen, sondern werden hier einsam ausgesetzt und müssen uns in einer neuen Kultur zurecht finden. Wir haben zwar andere AFS-er und Unterstützung von zu Hause, aber am Ende stehen wir dennoch alleine da. Aber eben, nach 3-4 Monaten, wenn man richtig angekommen ist, denkt man, dass es sich gelohnt hat und ist stolz auf sich, dass man den Schritt gewagt hat.

Der Witz an der ganzen Sache ist, dass ich im Moment wieder eine gute Phase habe und deshalb bleiben will. Aber schon morgen kann sich alles wenden und es kann sein, dass ich auf nichts mehr Lust habe und nur noch nach Hause möchte. Ja, ein Austausch ist wirklich was ganz unbeschreiblich Komisches. 

7. Dezember 2016

Luciafest mit AFS

Ich mag mich noch erinnern, als ich ungefähr 6 oder 7 Jahre alt war nahm mich meine Mutter mit zu einer Unterstufenklasse, welche Weihnachtsbräuche aus verschiedenen Ländern feierten und unteranderem auch das Luciafest. Meine Mutter war die Lucia und ich Tomte, ihr kleinen Helfer. Dies war der erste Bezug den ich zu Lucia hatte und nun, 10 Jahre später kommt sie wieder. Doch für alle, die nun bloss Bahnhof verstehen, hier einige Hintergrundinformationen:
Santa Lucia kommt aus Syrakus (Italien) und war einen Heilige. Der Name Lucia bedeutet "die Leuchtende" und ihr Gedenktag ist der 13. Dezember. Das Fest verdankt seinen heutigen Status in Schweden der Tatsache, dass der 13. Dezember in Schweden bis 1752 der kürzeste Tag des Jahres war.
Heute ist es ein fester Bestandteil der vorweihnachtlichen Bräuche. Es ist geprägt vom Tragen weißer Gewänder und häuslichen Elementen wie traditionellem Gebäck und Gesang. Lucia trägt ein weißes Gewand, ein rotes Band um die Taille und einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf. Ihr folgen oft weitere Mädchen (tärnor), die Kerzen in den Händen halten, sowie manchmal auch Sternenknaben (stjärngossar) und eben Wichte (tomtar), wie ich damals.
Früher hat man daraus einen Wettbewerb gemacht, wer das schönste Mädchen im Dorf war und Lucia sein durfte. Es gab von allen Bewerberinnen Fotos in der Zeitung und es wurde anschliessend abgestimmt, wer die Rolle des lichterfrohen Mädchens spielen durfte. Anscheinend gibt es diesen Wettbewerb in einigen Dörfern noch immer, einfach, dass unterdessen alles online stattfindet.
Eigentlich feiert man am 13. Dezember, aber das spielt nicht so einen Rolle. Deshalb haben wir Austauschschüler im Süden dieses traditionell schwedische Fest im Kloster in Höör gefeiert. Ich könnte jetzt lange beschreiben, was wir alles an diesem Tag machten, aber Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte.

Wir backten Lussekatter, das traditionelle Safrangebäck
Wir kränzten unsere Luciakränze aus Buchs...
(Was mich irgendwie ans Brugger Jugendfest erinnerte)
...wir bastelten komisches Zeug...
... und übten zuletzt die Lieder für die Kirche
Dennoch ging es noch nicht ohne Textblätter
Wie die heutigen Gruppenfotos aussehen

Ich übernahm dann schliesslich die Rolle der Lucia. Das klingt jetzt cooler als es eigentlich war. Ein komisches Gefühl, zu wissen, dass man brennende Kerzen auf dem Kopf trägt. Ich getraute mich fast nicht, denn Kopf zu bewegen in der Angst, der Wachs könnte tropfen oder sogar eine Kerze runterfallen. Aber keine Angst, es ist ganz ungefährlich, wurde mir zumindest gesagt. Ich war dann doch ganz froh, als ich die metallene Krone vom Kopf nehmen konnte.




Unterdessen sind wir als AFS-Familie richtig zusammengewachsen und wenn es für mich mal schwierig ist in Schweden und ich mich in ein Tief rein steigere, heitern sie mich auf und motivieren mich erneut. Wir Austauschschüler kommen aus vollkommen verschiedenen Welten und verfolgen doch alle das selbe Ziel. Unglaublich wie fest das verbindet.

2. Dezember 2016

Lilja meldet sich endlich wieder!

Schon lange ist's her, seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Ob ich viel erlebt habe, kann ich nicht richtig beurteilen. Aber hier kommt auf jeden Fall mal ein kleines Update:

Vor einigen Wochen war ich mit meiner Gastfamilie und dem OL-Verein am O-Event in Borås. Wir fuhren am Freitagnachmittag los und rannten bereits am Abend Nacht-OL. Ja, das kann man sich schlecht vorstellen, aber man springt mit einer Stirnlampe in der Stadt. Am nächsten Tag war es eine "Downhil-Strecke", das heisst, dass man zuerst 2 km rauf läuft bis zum Start und dann alles runter rennt. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich zwei mal ziemlich verloren war und fragen musste, wo auf der Karte wir uns befanden. Am Sonntag war es dann im Tierpark, was ziemlich speziell war. Auf der einen Seite war es ziemlich schwierig, da man nicht überall springen konnte, doch auf der anderen Seite sehr cool, weil ich während dem Springen einen Tiger gesehen habe. Ich habe wieder meine Freundin Siri aus der Schweiz da angetroffen und wir konnten es irgendwie immer noch nicht glauben, dass wir hier beide in Schweden sind und uns sehen. Es ist eben doch am einfachsten sich auf Schweizerdeutsch zu verständigen. Mir ist aufgefallen, dass ich mich hier in Schweden oft total ruhig und scheu verhalte, obwohl ich das eigentlich überhaupt nicht bin, auf jeden Fall nicht so sehr.
Gastbruder auf dem 3. Platz

Kleiner Abstecher nach Göteborg
"Dieses Jahr gehen wir für Weihnachten all-in!", so die Worte meiner Gastschwester. Das heisst für sie, alle Weihnachtsdekoration, die man nur finden kann, aufstellen und dazu Weihnachtslieder rauf und runter hören. Mittlerweile kann ich schon die meisten bekannten Lieder auswendig, da sie so eine nervende Playliste zusammengestellt hat und dabei ist es noch nicht mal Dezember. Zum Aufklang in die Weihnachtszeit habe ich am ersten Advent in der Kirche in Olofström am Schülerkonzert der Musikschule Cello gespielt. Zwar war es ein altes schwedisches Seemannslied und kein weihnachtliches Stück, doch es war eine schöne Stimmung. 

Diese Stimmung verdankt man hier in Schweden dem frühen Eindunkeln, welches momentan bereits um drei Uhr beginnt. Man kommt also nach Schulschluss um drei Uhr aus dem Gebäude und sieht dem Sonnenuntergang zu und am Morgen, wenn man aufs Fahrrad steigt um acht bestaunt man die Sonne, die sich durch die kalte Luft an den Himmel kämpft. Alle Schweden regen sich tierisch darüber auf, weil man so nicht viel vom Tag hat und ich freue mich, weil es so komisch ist. Ich kann nicht richtig erklären, wie es ist, man muss es einfach erleben. Wahrscheinlich werde ich es bis Weihnachten auch nicht mehr so toll finden. Aber im Moment bin ich noch total begeistert!



Den ersten richtigen Schnee hatten wir auch schon. War dann nicht mehr so einfach mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren.


Oft werde ich gefragt, ob ich denn über Weihnachten nach Hause fliegen werde und die Reaktionen auf mein Nein sind alle gleich: "Was? Aber vermisst du deine Familie denn nicht?". Doch, ich vermisse meine Familie und besonders meine Freunde, aber tun wir das nicht alle immer ein bisschen, jeden Tag, wenn wir jemanden nicht sehen? Und ich finde das auch überhaupt nichts Schlechtes, es erinnert mich nur, was für tolle Menschen ich in der Schweiz habe. Das klingt jetzt sehr altklug, aber das wird einem erst bewusst und man lernt das erst richtig zu schätzen, wenn man so eine lange Zeit von ihnen getrennt ist. Zudem gibt es mir Hoffnung, hier auch solche Menschen zu finden, welche ich später vermissen darf.

Was für eine schöne Überleitung zum Thema Freunde. Wer meinen Blog ein bisschen mitverfolgt, weiss sicher, dass ich Probleme hatte in der Schule Anschluss zu finden. An was das lag weiss ich noch immer nicht, aber diese Frage beschäftigt mich auch nicht mehr so fest, denn es hat sich gebessert. Ich fühle mich nicht mehr so fehl am Platz wie zu Beginn. Un dich habe auch schon wieder einige Sachen mit Freunden unternommen. 
Mit zwei ganz lieben Mädchen aus meiner Klasse, Elin und Tova, habe ich einen heimeligen Plaudernachmittag verbracht. Ich habe ihnen gestanden, dass ich seit ich in Schweden bin noch nie richtige schwedische "Godis" (Süssigkeiten) gekauft habe und darauf musste ich mich durch alle Geschmäcker kämpfen. So einen Nachmittag hatte ich schon lange nicht mehr und ich hoffe wir wiederholen das bald wieder!


Ebenfalls habe ich mit denen ich in Malmö war Weihnachtskekse und -gebäck gebacken. Typisch schwedische versteht sich. Wir hatten es wirklich sehr lustig und es hat mir sehr gut getan. Nun bin auch ich total in Weihnachtsstimmung!

"Oh, das sieht aus wie Afrika. Welche Tiere gibt es dort?"
Lussekatter, schwedischer geht's nicht!

Am vergangenen Samstag fuhr ich mit meiner Gastmutter Martina nach Kopenhagen, sozusagen ins Ausland. Mit dem Auto dauert das ungefähr zweieinhalb Stunden, dank der riesigen Brücke von Malmö aus.Auf der anderen Seite angekommen haben wir zuerst das Museum moderner Kunst besucht. Mit einer spannenden Sonderausstellung zum Film "The Danish Girl". Anschliessend ging es in die Innenstadt, wo wir ein bisschen durch die Gassen schlendern wollten. Doch es wurde eher ein ständiges Ausweichen aller Passanten. Am Nachmittag, als es so langsam anfing zu dämmern, gingen wir im Tivoli an den Weihnachtsmarkt. Es war wie sich herausstellte eher ein Freizeitpark statt einem lauschigen Markt, aber als es dunkel wurde, war es wunderschön mit all den Lichtern. 

Øresundsbron, 7845 m lang





Morgen habe ich endlich wieder mal ein AFS-Treffen zum Thema Luciafest, welches am 13. Dezember ist. Das kann man mit dem 6. Dezember vergleichen, wo in der Schweiz der "Samichlaus" mit seiner Rute kommt. Wir müssen also Sprüche und Lieder lernen und uns weiss kleiden mit Glitzer im Haar und einer Kerze in der Hand. Ja, auch die Jungs tragen ein weisses Gewand! Ich freue mich unheimlich, alle Austauschschüler wieder zu sehen. Ich weiss, dass man eigentlich mehr mit Einheimischen zu tun haben sollte, aber man fühlt sich einfach so wohl mit den anderen Austauschschülern. Ich kann ihnen einfach alle Probleme und Hoffnungen, die ich hier habe, erzählen und sie verstehen sie, weil sie in die selben haben. Ich habe das mit den AFS-Familien nie richtig verstanden, aber jetzt, wo ich selber Teil von einer bin, mit so vielen tollen Austauschschülern von der ganzen Welt, kann ich diese Verbindung vollkommen nachvollziehen.